#OskarRedetMit: Wiebke Kunstreich von kein Abseits! e.V.

Zahlreiche Vereine, Organisationen und Einrichtungen gehören mit ihren vielfältigen Angeboten zum täglichen Leben in den Lichtenberger Kiezen. Was man an ihnen hat, merkt man ganz schnell, wenn Treffen oder Mitmachaktionen nicht mehr stattfinden können, wie wir in der Corona-Krise schmerzlich erleben mussten. Oskar hat nachgefragt, wie es in Lichtenberg tätigen Vereinen, Initiativen und Organisationen derzeit so steht und wie das Leben bei ihnen weiter geht.

Oskar: kein Abseits! e.V. ist kein alltäglicher Vereinsname. Welches Anliegen verfolgt denn der Verein?

Wiebke Kunstreich: kein Abseits! e.V. ist ein freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe und realisiert seit 2011 freizeitpädagogische Projekte für mehr aktive Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit sowie einem bereichernden Miteinander zwischen Menschen unterschiedlicher Lebenswelten, Generationen und Kulturen. Der Verein fördert Kinder und Jugendliche in einer Kombination aus sport- und erlebnispädagogischen Angeboten, 1:1-Mentoring, Jugendengagement und Berufsorientierung. Nachdem kein Abseits! e.V. bisher vor allem in Berlin-Reinickendorf aktiv war, ist der Verein seit 2020 nun auch mit seinem 1:1-Mentoringprogramm in Lichtenberg-Nord an den Start gegangen. Dieses Jahr sollen unter anderem 30 Mentoring-Tandems gestiftet und begleitet werden. Die Aktivitäten von kein Abseits! in Lichtenberg werden aktuell im Rahmen des Integrationsfonds des Berliner Senats sowie der SKala-Initiative gefördert.

Oskar: Wie ist kein Abseits durch die letzten Wochen der Kontaktbeschränkungen gekommen?

Wiebke Kunstreich: Unser Motto lautet „Begegnungen ermöglichen“, vor allem im persönlichen Kontakt. Klar, dass diese Aufgabe durch COVID-19 erheblich erschwert wurde. „Aktivitäten neu denken und ins Digitale übertragen“ hieß dann ab Mitte März das neue Credo, mit dem wir angesichts der Kontaktbeschränkungen durch Corona unsere Arbeit angepasst haben. Um das „social distancing“ tatsächlich auf ein reines „physical distancing“ zu reduzieren, haben wir gleich zu Beginn der kritischen Phase mit „kein Abseits! TV“ ein neues Format entwickelt, in dem Mitarbeiter*innen und Engagierte in kurzen Videos und Live-Streams via Social-Media (Instagram, Facebook und YouTube) leicht umsetzbare Bastelideen, Bewegungsspiele, Achtsamkeitsübungen und vieles mehr für Kinder anleiten. Gleichzeitig wurde der digitale „interaktive Aktivitätenkoffer“, ursprünglich eine Sammlung von Tipps zur gemeinsamen Freizeitgestaltung für die kein Abseits!-Mentoring-Tandems, als kollaboratives Tool ausgebaut um eine Sammlung von digitalen Aktivitäten und Bildungsangeboten für zu Hause und mehrsprachigen Informationen zur aktuellen Situation für Eltern und Kinder.

Für den Mentoring-Bereich brachte Corona die zusätzliche Herausforderung, die bereits bestehenden Tandems auch aus der Ferne gut zu begleiten. Wir sind im engen Kontakt mit den Mentor*innen und den Mentees geblieben und konnten so auf neue Problemstellungen, z.B. im Homeschooling, reagieren. Der Austausch zwischen den Mentor*innen ließ sich relativ einfach ins Digitale verlagern. Die Kontaktanbahnung mit neuen Familien gestaltete sich jedoch über die Distanz schwieriger. Dank der guten Kooperation unserer Partner, einer Schule und einer Unterkunft im Fennpfuhl, die uns bei der Kommunikation mit den Familien unterstützten, konnten wir kürzlich dennoch neun neue Tandems in Lichtenberg zusammenbringen, die sich nun unter Einhaltung der Abstands- und Hygienemaßnahmen glücklicherweise auch persönlich treffen dürfen.

Oskar: Welche Erfahrung oder welches Erlebnis sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Wiebke Kunstreich: Da ich erst zu Jahresbeginn für den Standortaufbau Lichtenberg bei kein Abseits! angefangen habe, war es für mich spannend mitzuerleben, wie flexibel sich das Team auf die Zusammenarbeit im Homeoffice einstellte. Gleichzeitig bestand die Herausforderung, aus der Ferne mit unseren Zielgruppen in Kontakt zu bleiben und alternative Angebote zu schaffen. Alle sind es mit Motivation und Spaß angegangen, und dass dabei soviel Kreatives entstanden ist, war für uns eine tolle Erfahrung.

Dass wir schnell reagiert und unsere Zielgruppen gut betreut haben, zeigen die vielen Reaktionen, die wir erhalten. So wurde kein Abseits! u.a. für seine innovativen Ideen von Phineo als Best Practice präsentiert und von der Stiftung Bürgermut eingeladen im Rahmen des Programms opentransfer.de ein Webinar zum Thema „Freizeitaktivitäten mit Videos und Live Streams nach Hause bringen“ zu veranstalten. Auch unser digitaler Aktivitätenkoffer wurde stark nachgefragt, so dass wir diesen nun auch öffentlich zur Verfügung stellen.

Aber natürlich hat das Umschwenken auch viel Kraft und Überstunden gekostet. In dem Zusammenhang haben wir leider die Erfahrung machen müssen, dass es seitens einiger Fördermittelgeber an Verständnis, transparenter Information und angemessener Unterstützung haperte, um die Situation gut zu bewältigen. Trotzdem sehen wir uns bestätigt, dass unser schnelles Handeln wichtig war, denn nur so konnten wir für unsere Zielgruppen weiter da sein, für die Kinder, Jugendlichen und ihre Familien, die unter der Pandemie besonders leiden und gesellschaftlich sonst noch weiter marginalisiert würden.

Oskar: Wie wird es in den nächsten Wochen bei Ihnen weitergehen? Was wird angesichts der Lockerungen wieder möglich sein?

Wiebke Kunstreich: Unsere Gruppenangebote sind mit Begrenzungen der Teilnehmer*innen-Zahlen, Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen wieder möglich. Auch die Mentoring-Tandems treffen sich wieder unter Einhaltung der corona-bedingten Auflagen und Rücksicht auf potentielle Risikogruppen in den Familien. Viele unserer traditionellen Events, wie z.B. das Sommercamp oder der Spendenlauf, können leider nicht im gewohnten Rahmen stattfinden. Auch dafür haben wir alternative Konzepte ausgearbeitet: Sommer- und Aktionstage für ca. 45 Kinder in Kleingruppen an verschiedenen Orten oder die dezentralen Spendenlauf-Wochen. Ab sofort können sich Läufer*innen, Tandems oder Laufgruppen eine eigene Kampagne auf der kein Abseits!-Homepage erstellen und einfach mitmachen auf der Laufstrecke ihrer Wahl.

Für den Standortaufbau in Lichtenberg sollen dieses Jahr nicht nur noch weitere Mentoring-Tandems entstehen, sondern es fehlen im Sinne des kein Abseits!-Konzepts noch inklusive Freizeitangebot in der Gruppe und die Einbindung engagierter Jugendlicher. Das werden wir als nächstes angehen und auf Grundlage einer Beteiligungsphase mit den Kindern komplementär zu bestehenden Angeboten im Fennpfuhl-Kiez und in Zusammenarbeit mit Akteuren vor Ort entwickeln. Erfreulicherweise bekommen wir immer signalisiert, dass es einen großen Bedarf für unser Angebot gibt. Wir fühlen uns in Lichtenberg willkommen, das motiviert natürlich!

Oskar: Gibt es Verhaltensweisen und Formen des Umgangs, die Sie gerne erhalten würden?

Wiebke Kunstreich: Das Gefühl, das alle im selben Boot sitzen, hat nach unserer Erfahrung das Bedürfnis nach Austausch und Kooperation gestärkt. Es wäre schön, wenn sich das erhielte. Darüber hinaus haben wir einige unserer Angebote schneller digitalisiert als geplant und von Teilnehmer*innen sowie anderen sozialen Organisationen viel Zuspruch dafür erhalten. Dies bringt uns neue Möglichkeiten bei der Verbreitung unseres Ansatzes und Wissens sowie bei der Erreichung unserer Zielgruppen. Diesen Weg wollen wir weiter ergründen. Nicht zuletzt hat uns die Pandemie einmal mehr die Bildungsungerechtigkeiten unserer Gesellschaft aufgezeigt – ein Grund, warum kein Abseits! 2011 ins Leben gerufen wurde. Hier ist zu hoffen, dass das seinen Niederschlag in den bildungs- und gesellschaftspolitischen Agenden findet.

Wiebke Kunstreich arbeitet als Koordinatorin Mentoring und Standortleitung Lichtenberg bei kein Abseits e.V.

Mehr Infos zu dem Verein finden sie hier: https://www.kein-abseits.de/