Interview mit Emmily Wiedenhöft, Soziales Management der HOWOGE
Freiwilliges Engagement hat viele Facetten. Viele meinen das ist etwas für die Zeit nach dem Beruf, um aktiv zu bleiben und soziale Kontakte zu erhalten, also etwas für Ältere. Es gibt aber auch junges Engagement oder den Begriff „Lernen durch Engagement“, der vor allem im Schulalltag angesiedelt ist. Und auch der Begriff Firmen-Engagement ist immer öfter zu hören und zu lesen. In der HOWOGE ist das soziale und gesellschaftliche Engagement gelebte Praxis. Und hat auch ein Gesicht. Emmily Wiedenhöft ist in der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft unter anderem Ansprechpartnerin dafür.
Frage: Frau Wiedenhöft, Sie sind im Team des Sozialen Managements der HOWOGE Wohnungsbaugesellschaft tätig. Was machen Sie da konkret?
Emmily Wiedenhöft: Als kommunale Wohnungsbaugesellschaft tragen wir nicht nur Verantwortung für gute und bezahlbare Wohnungen, sondern auch für funktionierende und lebenswerte Wohnquartiere. Meine Aufgabe als soziale Quartiersentwicklerin bei der HOWOGE ist es, nachhaltige soziale Entwicklungsprozesse und strategische Handlungsansätze für die dauerhafte soziale Stabilisierung unserer Quartiere zu entwickeln. Dies tun wir primär durch Kooperationen, Netzwerkarbeit und eigeninitiierte Projekte mit Kiez-Akteur:innen. Zudem setzen wir Impulse zur Stärkung der Nachbarschaft. Hierzu zählt insbesondere das Ehrenamtsmanagement. Als direkte Ansprechpartnerin unterstütze ich unsere Mieter:innen dabei, sich ehrenamtlich im Rahmen von Nachbarschaftsaktionen „Von Nachbarn für Nachbarn“ zu engagieren.



Bei oskar waren Sie auch schon zu Gesprächen, habe ich mir sagen lassen. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zu solch einer Freiwilligenagentur und was schätzen Sie an deren Arbeit?
Die oskar | freiwilligenagentur ist für uns ein wichtiger und geschätzter Kooperationspartner. Die Einrichtung ist nicht nur Gewerbemieter bei der HOWOGE, sondern war für uns beim konzeptionellen Aufbau des Ehrenamtsmanagements ein wichtiger Experte und eine gute Inspirationsquelle. Im Rahmen unseres HOWOGE-Ehrenamtsmanagements ist oskar Multiplikator bei der Vermittlung von Ehrenamtlichen im Bezirk Lichtenberg, von dessen Netzwerken wir profitieren können. oskar ist für uns aber auch ein zuverlässiger Projektpartner, mit dem wir gern zusammenarbeiten. So haben wir bereits das gemeinsame Tauschschrank-Projekt „FINDUS trifft oskar“ erfolgreich umgesetzt. Mit FINDUS, dem Tauschschrank für alle, ist in der Weitlingstraße 89 ein Ort für nachhaltiges Tauschen mitten in der Nachbarschaft entstanden. Das Projekt wurde in Kooperation zwischen HOWOGE, deren Stiftung „Stiftung Stadtkultur“ und der Freiwilligenagentur oskar umgesetzt und lädt dazu ein, gut erhaltene Alltagsgegenstände weiterzugeben oder kostenfrei mitzunehmen.
Als ich mich auf das Interview vorbereitet habe, dachte ich so bei mir: Na ja, Wohnanlagen haben Vorgärten und Grünanlagen, die erhalten und gepflegt werden müssen. Da wird die Wohnungsbaugesellschaft hinterher sein, dass sich viele Bewohner freiwillig dafür engagieren, schon aus Eigennutz. Das ist aber wohl etwas zu kurz gesprungen. Mit welchem Inhalt ist der Begriff Firmen-Engagement bei der HOWOGE gefüllt?
Das soziale und gesellschaftliche Engagement ist seit vielen Jahren ein wichtiger Bestandteil der Aktivitäten der HOWOGE. Es ist Ausdruck unserer sozialen Verantwortung für Berlin. Im Rahmen des Kiezmanagements unterstützen wir beispielsweise Akteure in unseren Quartieren mit Förderungen. Weitere Instrumente und Mieterformate im Bereich des gesellschaftlichen Engagements der HOWOGE sind beispielsweise mobile Mieternachmittage, Nachbarschaftsaktionen, die HOWOGE-KIEZORTE, Feste, Wettbewerbe wie „Mein sauberer Schulweg“ oder Kiezputzaktionen.
Aktives Ehrenamt bietet somit eine Win-Win-Situation für alle.
Emmily Wiedenhöft
Die HOWOGE unterstützt zudem ihre Mieter:innen dabei, Aktionen und Projekte für die Nachbarschaft umzusetzen – ob Gießpatenschaften, Flohmärkte, Nachbarschaftstreffs oder Clean-ups es gibt vielfältige Möglichkeiten sich für den eigenen Kiez zu engagieren. Warum wir das tun: Bewohnende eines Quartiers sind die Expert:innen für das Leben und Wohnen vor Ort. Sie wissen am besten, was die Nachbarschaft braucht. Durch die Unterstützung und Förderung des freiwilligen Engagements können eine nachhaltige soziale Quartiersentwicklung gefördert und die zunehmende Anonymität und Vereinzelung in der Großstadt aufgebrochen werden. So sind individuelle Nachbarschaftsprojekte „Von Nachbarn für Nachbarn“ für uns ein wichtiger Beitrag zur Stärkung der Gemeinschaft und des sozialen Zusammenhalts. Sich als Mieter:in ehrenamtlich für die Nachbarschaft einzusetzen, bietet ihnen wiederum die Möglichkeit, das eigene Wohnumfeld aktiv mitzugestalten. Das hat positive Effekte auf die Mieterbindung: Denn, wenn ich als Einzelperson etwas selbst gestalten und bewegen kann, identifiziere ich mich auch mehr mit meinem Wohnumfeld. Gleichfalls können so Projekte und Aktionen wie z. B. Gießpatenschaften flächendeckend erfolgen, die die HOWOGE kapazitätsbedingt ansonsten so nicht in Eigenregie erbringen könnte. Aktives Ehrenamt bietet somit eine Win-Win-Situation für alle.
Ich habe gelesen, die HOWOGE veranstaltet in jedem Jahr einen Ehrenamtstag. Das vermutet man bei einer Wohnungsgesellschaft nicht unbedingt. Seit wann gibt es den und warum wurde der ins Leben gerufen? Ja, und was findet da statt?
Der HOWOGE-Ehrenamtstag ist für uns eines der wichtigsten Formate unseres Ehrenamtsmanagements. Jedes Jahr im Frühling lädt die HOWOGE alle aktiven Ehrenamtlichen und Interessierten in ihre Wohnungsmacherei am Anton-Saefkow-Platz ein. An diesem Tag ehren wir das Engagement unserer Mieter:innen und informieren über die Möglichkeiten des nachbarschaftlichen Ehrenamtes bei der HOWOGE. Bereits aktive Ehrenamtliche stellen ihre Nachbarschaftsaktion vor, Interessierte können eigene Ideen und Aktionen „Von Nachbarn für Nachbarn“ entwickeln und sich mit anderen austauschen. Der erste HOWOGE-Ehrenamtstag fand 2024 als Initialzündung bzw. Auftaktveranstaltung für die Aktivierung und Koordinierung der ersten Ehrenamtsinteressierten Mieter:innen, die wir zuvor aus dem Format der Mieternachmittage gewinnen konnten, statt.
Der Ehrenamtstag wird von Jahr zu Jahr weiterentwickelt. So ist er mittlerweile zu einer wichtigen Initiierungs- und Vernetzungsplattform von aktiven Ehrenamtlichen und Neuinteressenten herangewachsen und bietet Unterstützung bei der Umsetzung von Nachbarschaftsprojekten. Ein wichtiger Teil der Veranstaltung ist aber auch die Vorstellung und Würdigung von Ehrenamtsprojekten der HOWOGE-Mieter:innen. Den Ehrenamtlichen bieten wir somit eine Bühne, gelungene Ehrenamtsbeispiele selbst zu präsentieren. Im Rahmen einer Ehrungszeremonie mit der Überreichung von Ehrenamtsurkunden und kleinen Aufmerksamkeiten wie Beetschildern oder Engagement-Westen, die Sichtbarkeit herstellen, verleihen wir unserer Anerkennung gegenüber den Ehrenamtlichen einen wichtigen Rahmen und Ausdruck.

Und dann gibt es da ja noch die Nachbarschaftsbox. Was verbirgt sich denn dahinter?
Die Nachbarschaftsbox ist ein Unterstützungsangebot für unsere Mieter:innen, welche Nachbarschaftsfeste, Hofflohmärkte und weitere Begegnungsformate selbstständig organisieren möchten. Sie beinhaltet unter anderem eine Grundausstattung für Veranstaltungen, einen Gutschein für Lebensmittel oder Gartencenter, Informationen zum Ehrenamt sowie Materialien zur Bewerbung. Voraussetzung für die Bereitstellung der Nachbarschaftsbox ist die Unterzeichnung einer Ehrenamtsvereinbarung sowie eine Rücksprache zur Projektidee mit uns. Ideen können über unser Ehrenamtspostfach ehrenamt@howoge.de eingereicht werden. So konnten beispielsweise ein buntes Sommerhoffest durch eine Mieterin in der Reichenberger Straße oder ein Nachbarschaftsflohmarkt durch eine andere Mieterin in der Paul-Zobel-Straße erfolgreich mit Hilfe der Box umgesetzt werden.

Die HOWOGE fördert freiwilliges Engagement auch indirekt, indem sie Vereine und Initiativen unterstützt, die in den Kiezen für vielfältige und interessante Angebote des gesellschaftlichen, kulturellen oder sportlichen Miteinanders stehen. Für diese Unterstützung können sich Interessierte sogar bewerben. Wie oft wird das Angebot genutzt? Und wie erfolgt da die Auswahl – geht’s nach dem Prinzip solange Geld da ist oder welche Kriterien sind da ausschlaggebend?
Neben eigeninitiierten Projekten und sozialen Dienstleistungen des Unternehmens fördert die HOWOGE auch Projekte von Partner:innen. Gemeinsam mit lokalen Vereinen, Trägern und Einrichtungen setzen wir uns für lebenswerte und aktive Kieze ein. Das Kiezmanagement der HOWOGE besteht seit über zwanzig Jahren und fußt damit auf einem breiten Akteursnetzwerk. Im Jahr 2024 wurden beispielsweise insgesamt 140 Institutionen durch die HOWOGE unterstützt.
Im Rahmen des Kiezmanagements unterstützen wir gemeinnützige Initiativen und Projekte in den Bereichen Bildung, Kultur, Ökologie, Soziales und Sport. Hierfür gibt es festgelegte Auswahl- und Ausschlusskriterien, die auf unserer Website zu finden sind. Je nach Projektinhalt schließen wir Kooperationen ab oder reichen Spenden aus – jedoch niemals mit oder an Privatpersonen. Bei der Auswahl der von uns unterstützten Förderaktivitäten legen wir großen Wert darauf, dass durch das Engagement nachhaltige Impulse in den jeweiligen Quartieren gesetzt werden. Aktivitäten und Förderschwerpunkte werden dabei individuell auf den Bedarf der einzelnen Quartiere angepasst, um den besonderen Bedürfnissen der dort lebenden Menschen gerecht zu werden und gezielt die Entwicklung der Quartiere zu unterstützen.
Ich erinnere mich, dass ich vor einiger Zeit über die Verlegung eines Stolpersteines im Kreuzungsbereich Frankfurter Allee – Möllendorffstraße, unmittelbar vor dem neu entstandenen Bürogebäude der HOWOGE, berichtet habe. Ich konnte da schreiben, dass die Wohnungsgesellschaft die Erinnerungs- und Gedenkarbeit in Lichtenberg kontinuierlich unterstützt, so auch die Stolpersteinverlegung im Bereich vor ihrem Firmensitz. Warum ist diese Unterstützung für die HOWOGE wichtig? Die Verlegung der Stolpersteine basiert ja auch weitgehend auf freiwilligem Engagement.
Die Erinnerungs- und Gedenkarbeit ist uns als kommunale Wohnungsbaugesellschaft ein wichtiges Anliegen. Bereits seit einigen Jahren unterstützt die HOWOGE die Arbeit des Lichtenberger gemeinnützigen Trägers pad gGmbH durch die Ausreichung von Spenden für die Verlegung von Stolpersteinen. Inzwischen erinnern über zweihundert Stolpersteine in Lichtenberg an die Vertreibung und Vernichtung von Personen des jüdischen Glaubens, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Homosexuelle und Zeugen Jehova im Nationalsozialismus. Das Projekt begleitet Menschen, die einen Stolperstein verlegen und dazu recherchieren wollen, organisiert Kiezspaziergänge sowie Putzaktionen und unterstützt Projektschultage. So kann den Verfolgten des Nationalsozialismus gedacht, die Geschichte nicht verdrängt und ein Mahnzeichen gegen Diskriminierung gesetzt werden.
Nach der Sommerpause finden vom 12. bis 21. September wieder die Freiwilligentage unter dem Motto „Gemeinsame Sache“ statt. Ist da die HOWOGE mit einer Aktion dabei oder wie unterstützt sie diese besonderen Tage für freiwilliges Engagement?
Die HOWOGE würdigt das freiwillige Engagement mit ihrem eigenen Format des HOWOGE-Ehrenamtstages, welcher bereits im April dieses Jahres für unsere Mieter:innen stattgefunden hat. An den Freiwilligentagen sind von unserer Seite zunächst keine weiteren Aktionen geplant. Vielmehr möchten wir zum kommenden „Tag der Nachbarschaft“ unsere Ehrenamtlichen aufrufen und dabei unterstützen, eigene Nachbarschaftsaktionen an diesem Tag umzusetzen.

Weitere Informationen
https://www.howoge.de/index.html
Ehrenamtspostfach für HOWOGE-Mieter:innen: ehrenamt@howoge.de
Dieses Interview entstand in der Redaktion Zeigen, was geht!
Sie ist die Freiwilligen-Redaktion der oskar | freiwilligenagentur lichtenberg. Freiwillig Engagierte verfassen für die Redaktion Beiträge über Themen im Zusammenhang mit Engagement. Das Format der Beiträge kann in der Redaktion frei gewählt werden, neben Texten sind auch Videos oder anderes möglich. Die jährlich stattfindenden Freiwilligentage stehen besonders im Fokus. Die Zeigen, was geht! – Redaktion steht allen Interessierten offen. Wer mitmachen möchte, meldet sich bitte bei: info@oskar.berlin