#oskarRedetMit – Kerstin Kurzke, Malteser Hilfsdienst e.V.

Interview mit Kerstin Kurzke zu Ehrenamt im Hospizdienst

Könnt Ihr Euch vorstellen mitzuhelfen, schwer kranke Menschen in ihrer letzten Lebenszeit zu betreuen und zu unterstützen. Die Frage überrascht Euch jetzt und Ihr habt darüber noch nicht nachgedacht? Na dann lest mal das Interview mit Kerstin Kurzke. Sie leitet beim Malteser Hilfsdienst e.V. im Büro in der Treskowallee die Hospiz- und Trauerarbeit. Gleich wie Eure Entscheidung dann ausfällt. Eine Menge Wert ist doch schon zu wissen, dass und wo und wie Hilfe möglich ist.

Als ich als Engagementberater bei oskar begonnen habe, hat mich neben der große Vielfalt der angebotenen Tätigkeiten überrascht, dass auch ambulante Hospizdienste dazu gehören. Heute kann ich nun endlich fragen, wie es dazu gekommen ist, diesen Bereich für das Ehrenamt zu öffnen. Waren es fehlende Hospizplätze, die dazu geführt haben? Oder ist es der wachsende Wunsch von Menschen, die letzten Tage des Lebens in vertrauter Umgebung in den eigenen vier Wänden zu verbringen? Vielleicht ja auch beides? Oder noch etwas ganz anderes? Sagen Sie es, Sie müssen es ja aus eigener Erfahrung wissen.


Kerstin Kurzke: Vielen Dank für Ihr Interesse an unserer Arbeit. Tatsächlich wird die ambulante Hospizarbeit in Deutschland seit ihren Anfängen Anfang der 1980er Jahre fast vollständig von Ehrenamtlichen getragen. Am Anfang gab es sogar ausschließlich Ehrenamtliche – die Hospizbewegung war eine engagierte Bürgerbewegung, die sich für ein menschenwürdiges Sterben stark gemacht hat.
Oft wird zuerst an stationäre Hospize gedacht, aber es gab von Beginn an auch ambulante Hospizdienste wie unseren. Sie begleiten schwerkranke und sterbende Menschen dort, wo sie leben: zu Hause, im Pflegeheim oder im Krankenhaus. Dazu gehört bei uns auch die Begleitung von Familien mit einem schwer erkrankten Elternteil und Kindern und Jugendlichen, die Abschied nehmen müssen. Das entspricht dem Wunsch vieler Menschen, die letzte Lebensphase in vertrauter, geschützter Umgebung zu verbringen. Und genau dort setzen wir an: mit Zeit, Zuwendung und psychosozialer Unterstützung.
Heute arbeiten wir eng mit Pflegediensten, Hausärztinnen und Palliativmedizinerinnen zusammen. Unsere über 200 Ehrenamtlichen sind eine wichtige Säule: Sie hören zu, halten aus, bringen Ruhe und sind einfach da – und entlasten dadurch auch die Angehörigen. Unser hauptamtliches Team sorgt dafür, dass sie gut begleitet, geschult und unterstützt werden.

Jedenfalls habe ich großen Respekt vor Freiwilligen, die sich dieser Aufgabe stellen. Welche Voraussetzungen sollten Interessierte mitbringen, die da aktiv werden wollen. Was berichten Ihnen Freiwillige, die bei den Maltesern im ambulanten Hospizdienst engagiert sind?


Kerstin Kurzke: Man braucht zunächst nicht viel – außer Zeit und eine offene Haltung. Wer sich engagieren möchte, sollte etwa drei bis vier Stunden pro Woche einplanen können, um einen Menschen regelmäßig zu besuchen. Wichtig sind außerdem echtes Interesse am Gegenüber, die Fähigkeit zuzuhören und die Bereitschaft, sich auf ganz unterschiedliche Lebenswelten einzulassen – gerade auch, wenn es um Familien mit schwer kranken Elternteilen und minderjährigen Kindern geht, die Unterstützung beim Abschiednehmen brauchen.
Unsere Ehrenamtlichen erzählen oft von sehr berührenden Momenten. Von Vertrauen, das ihnen geschenkt wird, von Gesprächen, die unerwartet tief gehen, und davon, wie viel sie selbst für ihr eigenes Leben daraus mitnehmen. Viele beschreiben das Ehrenamt als eine sehr sinnstiftende und menschlich bereichernde Aufgabe.


Und Sie tun ja auch einiges, um den Start zu ermöglichen und zu erleichtern. Sie bieten einen Vorbereitungskurs an, der notwendiges Rüstzeug für die Aufgabe vermittelt. Was erwartet Interessierte da?


Kerstin Kurzke: Alle, die bei uns mitarbeiten möchten, durchlaufen einen Vorbereitungskurs. Das ist uns wichtig, damit sich alle sicher fühlen. Im Kurs beschäftigen wir uns mit Themen wie Kommunikation, Sterbe- und Krankheitsphasen, der Rolle der Ehrenamtlichen, eigenen Grenzen und Fragen der Selbstfürsorge.
Die Kurse sind sehr lebendig – es geht nicht nur um Wissen, sondern auch um persönliche Entwicklung. Viele Teilnehmende sagen im Nachhinein, dass der Kurs sie verändert hat.

Ich denke mir so, in der Hospizarbeit, gleich ob stationär oder ambulant, ist das Thema Sterben immanent. Vielleicht habe ich da aber ganz falsche Vorstellungen und bei den Betroffenen geht es vor allem um Leben. Noch letzte Wünsche erfüllen. Mit Freunden und Bekannten treffen. Es sich so gut gehen lassen, wie es eben möglich ist. Wie erleben Sie das, in Ihren Kontakten mit Menschen, die den mobilen Hospizdienst in Anspruch nehmen?

Kerstin Kurzke: Beides stimmt – und jede Begleitung ist wirklich einzigartig. Manchmal stehen Lebensgeschichten im Mittelpunkt: Es werden alte Fotoalben angeschaut, Erinnerungen geteilt, Kaffee getrunken, Spaziergänge unternommen oder Karten gespielt. Andere Menschen möchten über ihre Sorgen, Ängste oder über das sprechen, was auf sie zukommt.
Ebenso begleiten wir Familien, in denen ein Elternteil schwer erkrankt ist, und unterstützen minderjährige Kinder und Jugendliche, die Abschied nehmen müssen – oft mit viel Kreativität, Geduld und einer Sprache, die zu ihrem Alter passt.
Es geht immer darum, herauszufinden, was der einzelne Mensch braucht. Wir begleiten – egal ob es um Freude, Schmerz, Ablenkung, Trost oder ganz praktische Entlastung geht.

Hospiz- und Trauerarbeit sind eng verbunden. In der Trauerarbeit sind Sie ja auch aktiv. Und auch da sind Freiwillige tätig. Ich kann mir gut vorstellen, dass das in vielen Fällen fließend ineinander übergeht. Ist das so?

Kerstin Kurzke: Der Gedanke liegt nahe. Tatsächlich ist unsere Anlaufstelle für Trauernde ursprünglich entstanden, weil Angehörige auch nach dem Tod eines geliebten Menschen weiter Begleitung brauchten.
Interessanterweise zeigt sich heute aber, dass die meisten Menschen, die zu uns in die Trauerarbeit kommen, zuvor nicht von unserem Hospizdienst begleitet wurden. Viele Trauerprozesse beginnen nämlich schon während einer Hospizbegleitung. Wer in dieser Zeit gut unterstützt wurde, findet nach dem Tod oft einen eigenen Weg.
Zu uns kommen eher Menschen, die in der schweren Zeit vor dem Abschied allein waren und dann nach Halt und Gesprächspartnern suchen.

Hospizarbeit und das Thema selbstbestimmtes Sterben liegen in meinen Vorstellungen eng beieinander. In Deutschland ist aktive Sterbehilfe nach wie vor verboten. Aber jeder hat das Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Und der assistierte Suizid ist unter bestimmten Voraussetzungen rechtlich möglich. Haben Sie es in Ihrer Arbeit mit solchen Berührungspunkten zu tun? Was denken Sie darüber und wie gehen Sie damit um?


Kerstin Kurzke: In unserer Arbeit begegnen wir Menschen, die in sehr belastenden Situationen stehen – körperlich, seelisch, sozial. Wir hören zu, was sie beschäftigt, nehmen ihre Gedanken und Ängste ernst und suchen gemeinsam nach Wegen der Entlastung. Das kann ganz Unterschiedliches bedeuten: durch gute Schmerz- und Symptombehandlung oder durch Unterstützung von außen – etwa Pflegedienste oder Palliativteams – oder durch eine Entlastung des familiären Systems oder auch durch einen Umzug in ein stationäres Hospiz, wenn dies Sicherheit und Ruhe bringt. Manchmal hilft es auch, ein verlässliches Hilfenetz zu knüpfen, das trägt, wenn alles andere wankt.
Wir sind also ganz an der Seite der Menschen – in ihrer Not, ihrer Verzweiflung, ihren Fragen.
Gleichzeitig ist es wichtig, klar zu benennen: Wir wirken nicht an einem assistierten Suizid mit.
Das ist nicht unsere Aufgabe und entspricht nicht dem Auftrag der Hospizarbeit.
Unsere Haltung ist, Menschen im Leben zu stärken, Leiden zu lindern und Alternativen zu eröffnen – nicht, einen Suizid zu begleiten oder zu ermöglichen.

Malteser – das klingt nach Malta. Erzählen sie zum Schluss noch etwas über die Wurzeln des Vereins. Liegen die auf der Insel? Und wo finden Interessierte Sie in Lichtenberg?

Kerstin Kurzke: Der Name hat tatsächlich historische Wurzeln. Die Malteser gehen zurück auf den Orden vom Heiligen Johannes zu Jerusalem, der später lange seinen Sitz auf Malta hatte – daher der Name.
Der Malteser Hilfsdienst e. V. in Deutschland ist ein Werk dieses Ordens und engagiert sich in vielen sozialen Bereichen. Bei uns in Berlin-Lichtenberg finden Interessierte uns in der Treskowallee 110 in Karlshorst – und wir sind gerne für alle Fragen rund um Hospiz- und Trauerarbeit da.


Zudem suchen wir immer wieder Menschen, die sich ehrenamtlich bei uns engagieren möchten. Aktuell speziell für die Begleitung von Familien mit einem erkrankten Elternteil und minderjährigen Abschied nehmenden Kindern.

Der nächste Vorbereitungskurs beginnt im Frühjahr, Interessentinnen mögen sich bitte ab sofort bei uns melden.
Ansprechpartnerin ist: Antje Rüger-Hochheim, Tel 030 34800 3790, familienbegleitung.berlin@malteser.org
Website und Spendenkonto https://www.malteser.de/standorte/berlin/hospiz-und-trauerarbeit.html
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Dieses Interview entstand in der Redaktion Zeigen, was geht!
Sie ist die Freiwilligen-Redaktion der oskar | freiwilligenagentur lichtenberg. Freiwillig Engagierte verfassen für die Redaktion Beiträge über Themen im Zusammenhang mit Engagement. Das Format der Beiträge kann in der Redaktion frei gewählt werden, neben Texten sind auch Videos oder anderes möglich. – Redaktion steht allen Interessierten offen. Wer mitmachen möchte, meldet sich bitte bei: info@oskar.berlin

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