Nachbar:innen sind spannender als Promis -Freiwillige schreiben über Menschen im Fennpfuhl-Kiez

Wie gut kennen Sie die Menschen in Ihrem Haus; den Hausmeister in Ihrem Block; die nette Apothekerin von nebenan? Wissen Sie, wer das Haus gebaut hat, in dem Sie wohnen? Wäre es nicht toll, mehr über die Menschen im Kiez zu wissen, welche Geschichten sie haben, was sie vielleicht mit Ihnen verbindet? Mitglieder aus dem Bürgerverein Fennpfuhl e.V. wollten gerne mehr über ihre Nachbarschaft erfahren und die Geschichten mit anderen teilen. So entstand die Idee, zum 50-jährigen Bestehen der Fennpfuhl-Siedlung im Jahr 2022 in einem Buch 50 Menschen aus dem Kiez zu porträtieren. Es blieb nicht bei dem Wunsch und im Dezember 2022 ist das Buch „50 Gesichter – 50 Geschichten aus dem Fennpfuhl‟ erschienen. Daran haben 16 Autor:innen mitgeschrieben – die allermeisten ehrenamtlich.

Ein aufgeschlagenes Buch, rechts das Foto von zwei Musiker:innen in gelb-lila  und asiatisch aussehender Tracht
Ein Auszug aus dem Buch

Geschichten aus der Nachbarschaft – und spannende Begegnungen

Zu ihnen gehört Simone Richter, die in Alt-Lichtenberg wohnt. Sie erzählt: „Ich habe schon öfter in der Gruppe der Lichtenberger Kiezreporter:innen geschrieben, denn ich recherchiere gerne über Themen, Projekte und Orte in meiner Nachbarschaft. Die Initiator:innen haben uns dann angesprochen und gefragt, ob wir auch bei dem Fennpfuhl-Buch mitmachen wollen. Das habe ich gerne getan.‟ Sie ergänzt: „Für mich liegt ein besonderer Reiz darin, Leute von nebenan vorzustellen. Mit der alteingesessenen Physiotherapeutin, die ich porträtiert habe, konnte ich mich in einem Café im Fennpfuhl bei einer Schorle über ihre Kindheit dort unterhalten. Das ist für mich spannender als irgendeine Geschichte von Promis.‟

Auch Peter aus dem Lichtenberger Weitlingkiez musste nicht lange überredet werden. Er schreibt gerne und regelmäßig in der Freiwilligenredaktion der oskar | freiwilligenagentur lichtenberg. Peter erinnert sich: „Mir wurde erzählt, dass noch Autoren für das Fennpfuhl-Buch gesucht werden. Da ist mir eingefallen, dass ich Dieter Rühle gut kenne, der als Architekt bei Planung und Verwirklichung des Bauvorhabens Fennpfuhl ganz vorn mit dabei war. Und ich habe mir dann gedacht, dass es mir sicher Spaß machen wird, ihn für dieses Buch zu porträtieren.‟ Gesagt, getan. Als dann klar wurde, dass noch Texte offen waren, hat Peter sofort zwei weitere Porträts übernommen. „Diese Porträts zu schreiben hat mir nicht weniger Spaß gemacht‟, betont er.

Für mich liegt ein besonderer Reiz darin, Leute von nebenan vorzustellen. Mit der alteingesessenen Physiotherapeutin, die ich porträtiert habe, konnte ich mich in einem Café im Fennpfuhl bei einer Schorle über ihre Kindheit dort unterhalten.

Simone Richter, Bewohnerin des Fennpfuhl und eine Autorin des Buchprojekts
Ein aufgeschlagenes Buch: links Text, rechts ein ganzseitiges Foto von einer Person in heller Kleidung. Viele grüne Blätter sind im Bild. Im Hintergrund steht ein Hochhaus.
Ein Auszug aus dem Buch

Vom Schreib-Workshop zum Porträt

Einer der Initiatoren des Buch-Projekts ist Rainer Bosse, Vorstand im Bürgerverein und seit 44 Jahren im Fennpfuhl wohnhaft. Er erinnert sich: „Die Idee stand bereits seit 2019 im Raum und wurde mit den Planungen für das Fennpfuhl-Jubiläum immer konkreter.‟ Mit dem Buch-Projekt „50 Gesichter – 50 Geschichten aus dem Fennpfuhl‟ ging es dann im Oktober 2021 so richtig los. Der Startschuss war ein Workshop zum Porträt-Schreiben in der Volkshochschule Lichtenberg, die passenderweise ebenfalls im Ortsteil Fennpfuhl liegt. Unter Anleitung des Journalisten Marcel Gäding lernten die Teilnehmenden, wie ein lebhaft geschriebenes Porträt entsteht und worauf man bei einem Interview achten sollte.

Wissenswertes zur Geschichte des Fennpfuhl

Rainer Bosse steuerte viel Wissenswertes über die Geschichte der Fennpfuhl-Siedlung bei. Denn bei weitem nicht alle zukünftigen Autor:innen lebten selbst dort. Kurz zusammengefasst: Am 1.Dezember 1972 wurde der Grundstein für das erste Wohnhochhaus in der neu entstehenden Großsiedlung Fennpfuhl in Berlin-Lichtenberg gelegt. In den folgenden Jahren entstanden um den eiszeitlichen Fennpfuhl-See herum 16.000 Wohnungen in Plattenbauweise. Die modernen Wohnungen waren sehr beliebt, gab es doch Zentralheizung sowie Kinderbetreuung, medizinische Versorgung und Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe. Der erfolgreiche Bau der Siedlung wurde zum Vorbild für weitere Wohnungsbau-Projekte der DDR, zum Beispiel in Berlin-Marzahn. Im Jahr 2021 lebten im Fennpfuhl fast 34.000 Menschen auf 2,12 km². Heute wird der Kiez für seine grünen Oasen der Ruhe, die gute Anbindung und die Nähe zur Innenstadt geschätzt.

Menschen aus dem Kiez greifbar machen

Aufgeschlagenes Buch: links Text, rechts ein ganzsseitiges Bild ener Frau mit einem großen orangenes Gymnystikball
Ein Auszug aus dem Buch

Mit diesem neuen Wissen über den Fennpfuhl und das Porträt-Schreiben, machten sich die Autor:innen an den praktischen Teil des Workshops. Sie schrieben insgesamt neun Porträts über eine Person oder einen wichtigen Ort im Kiez; zum Beispiel über den im Jahr 2000 verstorbenen Schauspieler Kurt Böwe, der 26 Jahre lang im Fennpfuhl lebte und dem man mit seinem legendären Einkaufsbeutel in der Kaufhalle begegnen konnte; oder über die zurückhaltende ältere Nachbarin, die früher eine erfolgreiche Modedesignerin war und sogar mit dem Designpreis der DDR ausgezeichnet wurde.

50 von fast 34.000 Fennpfuhler:innen

Doch die 50 angepeilten Porträts waren damit noch lange nicht erreicht. So wurden alle Kontakte im Bezirk und darüber hinaus genutzt, um noch Mitwirkende zu finden. Bei den „Schreibenden Frauen Lichtenberg‟ wurden ebenso Autor:innen gefunden wie bei den Lichtenberger „KiezReportern‟. Das ist ein loser Zusammenschluss von Schreibbegeisterten, die ehrenamtlich im „Kiez-Blick‟ über Themen aus ihren Lichtenberger Stadtteilen schreiben. Das Projekt wurde 2018 von den damaligen Stadtteilkoordinatorinnen Tina Messerschmidt und Ksenia Porechina gestartet, die auch maßgeblich das Porträt-Buch unterstützten.

Aufgeschlagenes Buch. Links Text, rechts ein ganzseitiges Foto von einem jungen Mann, der ein lockeres graues Hemd trägt, das vorne nicht zugeknöpft ist. Im Hintergrund sind gleb-braune Formen sichtbar, die wir Herbstlaub aussehen
Ein Auszug aus dem Buch

Während des Jahres 2022 machten sich die alten und neu hinzugekommenen Schreibenden ans Werk. Sie recherchierten, dachten sich Fragen aus und trafen sich dann mit den zu Porträtierenden zu Interviews. Mit Häusermeister, Fußballerin, Regisseur, Politikerin, Pfarrer, Schuldirektorin, Architekt und vielen mehr. So nahm das Buch weiter Gestalt an und die geschriebenen Porträts bekamen durch Online-Meetings und Feedback-Mails mit dem Journalisten Marcel Gäding den letzten Schliff. Der sehr gut vernetzte Rainer Bosse unterstützte die Autor:innen jederzeit mit Hintergrundwissen, Text- und Fotomaterial sowie Kontakten.

Endlich fertig und bereit zum schmöckern

Obwohl der verspätet beschlossene Berliner Haushalt die Finanzierung etwas verzögerte und andere kleinere Hürden auftauchten, konnte das Buch noch im Jubiläumsjahr 2022 gedruckt und vorgestellt werden. Das DIN A4 große Buch „50 Gesichter – 50 Geschichten aus dem Fennpfuhl‟ beinhaltet auf 110 Seiten 50 Porträts, große Farbfotos jeder porträtierten Person, sowie einen vorangestellten Info-Text über die Großsiedlung Fennpfuhl. Es ist gegen eine Schutzgebühr von 5 Euro in öffentlichen Einrichtungen im Ortsteil erhältlich.

Die 50 Porträts können natürlich nur ein Ausschnitt aus der Vielfalt und Geschichte des Fennpfuhl sein. Rainer Bosse betont, dass die Auswahl nicht leicht war und im Kernteam über Monate (eher Jahre) hinweg gereift ist. Die Porträtierten sollten jeweils einen Aspekt des Fennpfuhl-Kiez repräsentieren, sei es aus der Baugeschichte, dem Alltag oder durch besondere Verdienste. Und so sind alle Bewohner:innen und Besucher:innen des Fennpfuhl eingeladen, miteinander ins Gespräch zu kommen und noch viel mehr Geschichten aus der Nachbarschaft zu erfahren.

Mehr Infos zur oskar | redaktion „Zeigen, was geht!“

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Dieses Interview entstand in der Redaktion Zeigen, was geht!
Sie ist die Freiwilligen-Redaktion der oskar | freiwilligenagentur lichtenberg. Freiwillig Engagierte verfassen für die Redaktion Beiträge über Themen im Zusammenhang mit Engagement. Das Format der Beiträge kann in der Redaktion frei gewählt werden, neben Texten sind auch Videos oder anderes möglich. Die jährlich stattfindenden Freiwilligentage stehen besonders im Fokus. Die Zeigen, was geht! – Redaktion steht allen Interessierten offen. Wir treffen uns an jedem 2. Donnerstag im Monat. Wer mitmachen möchte, meldet sich bitte bei Gül Yavuz: guel.yavuz@oskar.berlin

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