Mit Bürste & Haltung: Engagement gegen das Vergessen

An der Ecke Am Stadtpark und Kielblockstraße in Berlin-Lichtenberg liegen fünf Stolpersteine vor einem Wohnhaus. Sie sind ein sichtbares Zeichen für Erinnerungskultur & Engagement im Kiez und erinnern an Aron Segal, Erna Segal, Hugo Segal, Gerda Segal und Manfred Segal. Dort lebte einst eine Familie, dort war ihr Zuhause.

An diesem Vormittag kommt Dagmar Poetzsch mit Poliermittel und Tüchern an den Ort. Die Messingplatten sind mit der Zeit matt geworden. Sie fragt, ob jemand helfen möchte. Wenige Minuten später beginnt das Messing wieder zu glänzen. Die Namen treten langsam hervor. Während die Steine gereinigt werden, bleibt ein Passant kurz stehen. „Find’ ich gut, was ihr macht“, sagt er und geht dann weiter.

Jeder Stolperstein erzählt eine Geschichte

Einer dieser Namen gehört Hugo Segal. Er wurde 1921 in Wien geboren und wuchs in Berlin-Lichtenberg auf. 1939 floh er nach Belgien. Später wurde er verhaftet und deportiert. Am 28. Oktober 1942 ermordeten ihn die Nationalsozialisten im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz.

Die fünf Stolpersteine erinnern jedoch nicht nur an Hugo Segal, sie erzählen die Geschichte einer ganzen Familie. Aron und Erna Segal lebten mit ihren drei Kindern in Lichtenberg. Die Familie wohnte in einer großen Wohnung. Aron betrieb ein Geschäft und besaß mehrere Mietshäuser. Die Kinder gingen zur Schule und hatten Pläne für ihre Zukunft. 

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich ihr Leben. Das Geschäft musste aufgegeben werden. Die Familie verlor Eigentum. Die Kinder wurden wegen ihrer jüdischen Herkunft ausgegrenzt. 1942 tauchten Aron, Erna, Gerda und Manfred Segal unter. Fast zweieinhalb Jahre lebten sie versteckt – ohne Sicherheit und jederzeit in Gefahr, entdeckt zu werden. Dass Aron, Erna, Gerda und Manfred Segal überlebten, verdankten sie der Hilfe von rund 42 Menschen, die ihnen Verstecke organisierten, Lebensmittel beschafften und Kontakte herstellten.

Freiwilliger reinigt Stolpersteine
Foto: MD – Freiwilliger reinigt Stolpersteine

Auf Spurensuche im Ruhestand: Engagement das beglückt

Seit Jahren beschäftigt sich Dagmar Poetzsch mit solchen Biografien. Sie sucht nach Spuren, recherchiert Lebenswege und begleitet Stolpersteinverlegungen. Dabei unterstützt sie Angehörige bei der Spurensuche und macht die Geschichten von Menschen sichtbar, deren Leben durch das NS-Regime zerstört wurde. „Da ein bisschen Licht reinzubringen, ist einfach toll. Das macht mich glücklich“, sagt sie.

„Da ein bisschen Licht reinzubringen, ist einfach toll. Das macht mich glücklich“ (Dagmar Poetzsch)

Für Poetzsch geht es dabei um mehr als Messingplatten im Gehweg. Hinter jedem Stein steht ein Mensch mit einer eigenen Geschichte.

Es ist genau der Gedanke, den der Künstler Gunter Demnig mit seinem Projekt verfolgt: Namen zurückzubringen, dorthin, wo Menschen gelebt haben und von wo sie abgeholt wurden.

Poetzsch wollte ihren Ruhestand bewusst anders gestalten. „Für mich war klar, dass ich nicht irgendwann in der Seniorengruppe sitzen und stricken oder häkeln möchte.“

Stattdessen macht sie sich auf die Suche nach Lebensgeschichten, die nicht vergessen werden sollen. Sie wird von Angehörigen kontaktiert, recherchiert Biografien, spricht mit Betroffenen und begleitet Stolpersteinverlegungen.

Als die fünf Stolpersteine der Familie Segal wieder golden glänzen, sind die Namen darauf wieder deutlich zu lesen. Sie können die Geschichte nicht verändern. Aber sie verhindern, dass diese Namen wieder verschwinden. Vor dem Haus geht der Alltag weiter. Menschen gehen vorbei. Autos fahren durch die Straße. Doch die Namen von Aron, Erna, Hugo, Gerda und Manfred Segal bleiben sichtbar. 

Dagmar Poetzsch engagiert sich im ehrenamtlichen Arbeitskreis Stolpersteine der Fach- und Netzwerkstelle Licht-Blicke. Dort werden Menschen unterstützt, die selbst Stolpersteine verlegen, Biografien erforschen oder sich für Erinnerungskultur im Kiez einsetzen möchten. Denn manchmal beginnt Erinnerungsarbeit mit einer Bürste, einem Gespräch – oder einfach damit, stehen zu bleiben.

Dieser Beitrag entstand in der Redaktion Zeigen, was geht!
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