Fotos: Dagmar Poetzsch

Stolpersteinverlegung in der Atzpodienstraße 38

Vier weitere Stolpersteine erinnern in Lichtenberg an die Schicksale jüdischer Mitbürger, die während der Nazidiktatur deportiert und ermordet worden sind. Am Nachmittag des 23. Mai 2022 werden sie im Gehweg vor dem Haus Atzpodienstraße 38 verlegt. In den Messingplatten der Steine sind die Namen von Margot und Alfred Breslauer, Dorothea Weile geb. Breslauer und Adolf Redlinger eingraviert.

Burkhard Schmidt mit seinem Saxophon bei der Verlegung

Mehr als 25 Teilnehmende, unter Ihnen viele Anwohner:innen aus dem Kiez, sind Augenzeugen der Verlegung. Die musikalische Begleitung übernimmt Burkhard Schmidt mit seinem Saxophon. Der Einladung gefolgt sind Mitglieder der demokratischen Parteien der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Lichtenberg. Bezirksbürger:innenmeister Michael Grunst (Die Linke) verurteilt die auch in Lichtenberg steigenden Vorfälle mit rassistischem und rechtsextremistischem Hintergrund. Er mahnt an, überall dagegen aufzutreten und die Schicksale jüdischer Mitbürger:innen nie zu vergessen.

Die Schicksale hinter den Stolpersteinen der Atzpodienstraße

Dagmar Poetzsch, Ansprechpartnerin für Erinnerungskultur in Lichtenberg, verweist während der feierlichen Verlegung der Stolpersteine darauf, dass von der Mordmaschinerie der Nazis nicht selten ganze Familien betroffen sind, so auch hier. Gemeinsam mit Freiwilligen des Arbeitskreis Stolpersteine Lichtenberg/ Hohenschönhausen hat sie durch aufwändige Recherche herausgefunden, dass Margot, Alfred und Dorothea drei Geschwister einer ursprünglich aus Aldenau in Polen stammenden Familie sind. Dorothea ist die Jüngste. Sie heiratet mit 28 Jahren den Kaufmann Max Weile. Nach der Hochzeit ziehen Max und Dorothea nach Berlin. Am 14. März 1920 wird ihr Sohn Gerd Paul geboren. Dorothea arbeitet bis zum 28. Februar 1943 bei der Firma Schützler-Flaschenverschlußfabrik als Zwangsarbeiterin in der Pappelallee 26/27 im Prenzlauer Berg. Dafür erhält sie einen Wochenlohn von 30,00 Reichsmark.

Von der Mordmaschinerie der Nazis sind nicht selten ganze Familien betroffen, so auch hier.

Dagmar Poetzsch, Ansprechpartnerin für Erinnerungskultur in Lichtenberg

Ihr Mann Max und der gemeinsame Sohn Gerd Paul, können am 18. November 1938 erst nach England und von dort nach Toronto/Canada ausreisen. Dorothea hingegen findet Unterschlupf bei Ihrer jüngeren Schwester Margot. Am 01. März 1943 wird Dorothea Weile nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Teilnehmer:innen bei der Verlegung


Margot Breslauer ist seit 1930 Hauptmieterin einer zwei-Zimmer-Wohnung in der Atzpodienstraße 38. Sie zahlt monatlich 40,00 Reichsmark Miete an den Hausverwalter Schweiger in der Fanningerstraße 18. In zwei Zimmern ist nicht viel Platz. Trotzdem sind ihr Bruder Alfred Breslauer, ihre Schwester Dorothea Weile geb. Breslauer und Adolf Redlinger bis zur Deportation ihre Untermieter. Margot ist Verkäuferin und muss bis 1943 Zwangsarbeit leisten bei Siemens Halske, Wernerwerk F. Sie erhält dafür einen Wochenlohn von 30,00 Reichsmark. Unterlagen ist zu entnehmen, dass sie sich am 28. Februar 1943 im Sammellager Rathenowstraße befindet. Von dort wird sie am 01. März 1943 nach Auschwitz deportiert und gleich nach der Ankunft ermordet.


Über den älteren Bruder Alfred ist nur wenig bekannt. Er lebt mit seinen Schwestern Dorothea und Margot in der Atzpodienstraße 38, als er sich am 28. Februar 1943 in einem Sammellager registrieren lassen muss. Das ist dokumentiert. Auch, dass der 55 jährige am 03. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wird.
In welchem Verhältnis Adolf Redlinger zu den Geschwistern Breslauer steht, kann nicht recherchiert werden. Bekannt ist, dass er ursprünglich aus Preßburg (slowakisch Bratislava) stammt und bis zu seiner Deportation als Untermieter bei Breslauers in der Atzpodienstraße 38 lebte. Der 56 jährige Adolf Redlinger wird am 19. April 1943 mit dem 37. Osttransport nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.


Die neuen Stolpersteine in der Atzpodienstraße 38

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