Dagmar Poetzsch engagiert sich in Lichtenberg für die Verlegung von Stolpersteinen. Das Erinnern und Gedenken an die individuellen Menschen hinter den Namen auf den Stolpersteinen, ist für sie  besonders wichtig.

Erinnerung und Gedenken an Auguste und Ignatz Schnee

Es fühlt sich schon an wie Winter in Berlin an diesem 19. November 2022. Von den herrschenden Minusgraden lassen sich aber zahlreiche Lichtenberger:innen nicht abhalten, an der Verlegung von zwei weiteren Stolpersteinen teilzunehmen, den letzten für dieses Jahr. Die Stolpersteine werden vor dem Haus in der Hauffstraße 11/Ecke Spittastraße 2 verlegt, ganz in der Nähe vom Lichtenberger Tuchollaplatz. Mit ihnen wird an Auguste und Ignatz Schnee erinnert, die dort bis 1942 wohnten, bevor sie der Judenverfolgung durch die Nazis zum Opfer fielen. Zu den Teilnehmenden gehören die heutigen Hausbewohner. Im Hof haben sie eine Möglichkeit zum Austausch und zum Aufwärmen geschaffen. Einige haben ihre kleinen Kinder mitgebracht. Auch der Lichtenberger Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) ist zum Erinnern und Gedenken gekommen. Eingeladen dazu hat der Arbeitskreis Stolpersteine Lichtenberg/Hohenschönhausen, unterstützt von der Fach- und Netzwerkstelle LICHT-BLICKE und der pad gGmbH.

Nach Odessa, Wien und New York ein Leben in Berlin

Das Ehepaar Schnee bewohnte seit dem 5. Mai 1914 mit seinen drei Kindern in der Hauffstraße 11 in der ersten Etage eine Wohnung mit zwei Zimmern, Küche, Balkon und Korridor. Sie hatten sich dort eingerichtet und führten ein gutbürgerliches Leben. Ignatz Schnee ist Juwelier von Beruf und 1880 in Wien zur Welt gekommen. Seine Frau Auguste wurde 1881 in Odessa geboren. Geheiratet haben beide am 21. Juni 1903 in Wien. Dort kam auch 1913 die Tochter Evelyn zur Welt. Bereits 1907 wurde ihr Bruder Julius in New York geboren. Das dritte Kind, der Sohn Hans, erblickte dann gewissermaßen als Nachzügler 1916 in Berlin das Licht der Welt. So international und weltoffen war Berlin, bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen und alles anders wurde, besonders für Jüd:innen. Alle drei Kinder konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen und Deutschland verlassen. Julius und Evelyn emigrierten in die USA und Hans ging nach England.

Naziherrschaft ändert alles

Michalel Grunst im schwarzen Mantel mit Rose, die er gleich niederlegen wird
Stolpersteine Schnee 4 – Unter den Teilnehmenden Bezirksbürgermeister Michael Grunst

Der Nachbarsjunge Martin Konetzke sah im Januar 1942, wie Ignatz Schnee von zwei Männern in dunklen Mänteln in ein Auto bugsiert wurde, berichtet Dagmar Poetzsch, Ansprechpartnerin für Erinnerungskultur in Lichtenberg, über das Schicksal von Ignatz.

Laut amtlicher Sterbeurkunde verstarb Ignatz Schnee am 29. Januar 1942 in der Wohnung an Herzmuskelentartung/ Schlagaderverkalkung… „Wir wissen nicht in welchem Zustand die Gestapo Ignatz Schnee wieder zu Hause abgeliefert hat und gehen davon aus, dass er nach der „Sonderbehandlung“ so zugerichtet war und die Strapazen zum Tode führten – Todesursache ungeklärt“, sagt Dagmar Poetzsch.

Ignatz Schnee wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt. Für seine Frau Auguste entstand nun eine dramatische Situation, denn sie musste plötzlich alles alleine bewältigen. Immerhin, so ist überliefert, Martin Konetzke half ihr, indem er für sie einkaufte und ihr die Sachen vor die Tür stellte. Auguste Schnee traute sich nicht mehr aus dem Haus. Im Oktober 1942 musste sie sich in der Sammelstelle Levetzowstraße melden und wurde mit dem 20. Transport nach Raasiku/Estland deportiert und dort ermordet.

Erinnerungen eines Zeitzeugen

Ein besonderer Augenblick – vor den Teilnehmenden berichtet die Tochter von Martin Konetzke über seine Erinnerungen an jene Zeit. Er selbst kann aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. So liest seine Tochter Erinnerungen vor, die er aufgeschrieben hat. An die Schnees erinnere er sich noch genau. Herrn Schnee habe er eher mürrisch wahrgenommen. Seine Frau dagegen sehr hilfsbereit und lustig, berichtet die Tochter, was ihr Vater ihr aufgeschrieben hat. Als Junge habe er zwar nicht verstanden, was es bedeutet, als die Männer mit den Mänteln Herrn Schnee abholten. Aber gespürt, dass etwas überhaupt nicht stimmt, so die Erinnerung des Zeitzeugen.

Die Teilnehmenden an der Verlegungszeremonie an diesem winterlichen Vormittag im Kaskelkiez einte wohl ein Gedanke – Gedenken und erinnern und niemals vergessen!

Wenn Sie mehr über Stolpersteine in Lichtenberg wissen wollen, über die Stolpersteine im Karlshorster Prinzenviertel gibt es jetzt eine Broschüre, die im Lichtenberger Stadtmuseum erhältlich ist. Sie konnte durch umfangreiche Spenden von Privatpersonen und ehrenamtliche inhaltliche Unterstützung durch die Stolpersteininitiative Karlshorst, den Arbeitskreis Stolpersteine Karlshorst, die Geschichtsfreunde Karlshorst im Kulturring Berlin e.V. und die LICHT-BLICKE Netzwerkstelle für Demokratie bei pad gGmbH herausgegeben werden.

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